Erfolg durch Innovation – Die jüngere Geschichte der Schmuck- und Edelsteinstadt Idar-Oberstein

Die Kleinstadt Idar-Oberstein in Rheinland-Pfalz ist für ihre jahrhundertelange Schmuck- und Edelsteingeschichte bekannt. Hans-Dieter Krieger und seine Manufaktur sind ein sehr erfolgreicher Teil der jüngeren Historie.

Doch die Globalisierung stellt sein Unternehmen und die anderen Schmuckbetriebe Idar-Obersteins in den letzten Jahrzehnten vor große Herausforderungen.

Hans-Dieter Krieger kennt die Geschichte. Von den Achat-Vorkommen Idar-Obersteins, die im 14. Jahrhundert entdeckt wurden und den Ursprung der edelsteinverarbeitenden Industrie bildeten. Von den brasilianischen Farbsteinen, die im 19. Jahrhundert von unzähligen Schiffen nach Hamburg und anschließend von Pferdefuhrwerken nach Idar-Oberstein gebracht wurden. Von der Blütezeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts, in der Idar-Oberstein als eine der wohlhabendsten Städte der Welt galt. Steine, Bücher und Gemälde verzieren sein Büro im Herzen seiner Manufaktur und spiegeln die Historie der Schmuckstadt wieder. Eine Portraitreihe an der Wand zeigt seinen Vater Johann Krieger, seinen Großvater Karl Bohrer und seinen Urgroßvater Friedrich Krieger. Sie alle waren, wie so viele Idar-Obersteiner, im 19. Jahrhundert und zu Beginn des 20. Jahrhundert in der Edelstein- und Schmuckbranche tätig.

Seit Mitte des 20. Jahrhunderts ist auch Hans-Dieter Krieger Teil der Geschichte. Sie beschreibt den Wandel der Schmuck- und Edelsteinbranche in und um Idar-Oberstein in den vergangenen 50 Jahren. Eine Branche, die in rasanter Geschwindigkeit auf die Hälfte seiner Arbeitskräfte zusammengeschrumpft ist. Denn im Jahr 1987 waren es noch rund 3.000 Beschäftigte, die in insgesamt 460 Betrieben arbeiteten. Heute sind es laut den Schätzungen des Geschäftsführers des Bundesverbandes der Diamant- und Edelsteinindustrie, Jörg Lindemann, noch 1.500 Beschäftigte in circa 400 Betrieben. Dennoch ist der Name Idar-Oberstein allen großen Juwelieren der Welt, sei es in New York, London oder Paris, bekannt. Weltmarken wie Wempe, Tiffany oder Christ lassen ihre Ware in der Schmuckstadt produzieren.

Als Hans-Dieter Krieger im Jahr 1964 im Alter von 25 Jahren zum Firmenchef wird, ist an das heutige Image der Manufaktur Krieger noch gar nicht zu denken. „Ich bin im Jahr 1952 in der Firma meines Vaters Johann in die Lehre gegangen und habe den Beruf des Diamantschleifers erlernt“, erzählt Krieger. Als sein Vater stirbt, muss er auf eigenen Füßen stehen. 1964 ist die Firma seines Vaters, die künftig unter seinem Namen läuft, ein Einmannbetrieb. Vier Jahre später beschäftigt er schon 90 Diamantschleifer in seiner Manufaktur. „Bei aller Tüchtigkeit hatte ich auch das nötige Glück“, gesteht der Firmenchef und erzählt weiter: „Ich habe zwei Kunden kennengelernt, die mich ausreichend mit Rohdiamanten versorgt haben.“ Krieger steht eine große Menge Material zur Verfügung, die es zu verarbeiten gilt. Deshalb kann er immer mehr Diamantschleifer anstellen. 1974 folgt der nächste Schritt. Krieger wird als Direktabnehmer bei „De Beers“ zugelassen, dem größten Diamantproduzent und -händler der Welt. Die Firma Krieger ist zu einem Global Player avanciert. „Das war wie ein Ritterschlag“, schwärmt der 78-Jährige. Krieger beginnt den globalen Markt zu erschließen. Er bereist den arabischen Raum, knüpft Kontakte in Abu Dhabi sowie in Saudi-Arabien, Katar und dem Oman. Stetig besucht er Messen in London, Paris oder Basel. Ein Leben zwischen Kleinstadtidylle und Metropolhektik.

Doch die 1970er Jahre stellten die Schmuck- und Edelsteinindustrie in Idar-Oberstein vor eine gewaltige Herausforderung. Aufgrund der steigenden Löhne in Deutschland verlagerten sich die Schleifzentren in Entwicklungs- und Schwellenländer. In Indien, Thailand, Hongkong oder Brasilien wurde massenweise Ware im niedrigen Lohnsegment hergestellt. Durch den Wettbewerbsdruck aus Fernost und Südamerika scheiterten zahlreiche hiesige Existenzen.

Krieger wechselt den Kurs zum richtigen Zeitpunkt. Auch er produziert anfänglich vor allem auf Masse. „Aber wir mussten auf die Konkurrenz aus dem Fernen Osten reagieren“, erklärt er. Um der drohenden Abwärtsspirale in der eigenen Stadt zu entgehen, beginnt die Manufaktur Krieger nischenspezifisch zu arbeiten. „Wir hatten Kunden aus London und Norwegen, an deren hohen Anforderungen wir fast verzweifelt wären. In der Zukunft sollte das unser Maßstab werden“, beschreibt Krieger den Paradigmenwechsel seines Unternehmens.

Die Traditionsbetriebe in und um Idar-Oberstein, denen die rasante Talfahrt der 70er und 80er Jahre erspart geblieben ist, arbeiten heute zum Großteil in sehr spezifischen Sparten und bieten Waren im obersten Preissegment an. Ein Beispiel ist die Firma Groh&Ripp im Idar-Obersteiner Stadtteil Tiefenstein, die sich auf Farbsteine spezialisiert hat. Das Unternehmen fertigt Ziffernblätter und Saphirgläser für die exklusivsten Uhrenhersteller aus Jaspis, Meteorit oder Perlmutt. Die Goldschmiede-Firma Pauly stellt Colliers und hochwertigen Farbsteinschmuck für die High Society her. Loki Schmidt, die Frau des verstorbenen Altbundeskanzlers Helmut Schmidt, trug einst Goldschmuck, der in der Firma Pauly gefertigt wurde. Eine Ausnahme bildet dagegen die Firma Giloy. Sie ist mit 200 Mitarbeitern einer der größten Schmuck-Manufakturen in Europa und bedient vor allem die deutschen Kaufhaus-Ketten mit einer großen Bandbreite an Schmuckstücken. „Die Firma Giloy hat sich in der Vergangenheit ein ausgezeichnetes Kontaktnetz aufgebaut, von dem sie heute profitiert“, analysiert Lindemann, Geschäftsführer der Edelsteinbörse.

Der Abwärtstrend der Industrie schaffte in den vergangenen 40 Jahren Platz für eine neue Sparte in der Schmuck- und Edelsteinbranche Idar-Obersteins. Denn gegen Ende der 1960er Jahre stieg die Bedeutung des Edelsteinhandels zunehmend an. 1974 wurde die Diamant- und Edelsteinbörse in Idar-Oberstein gegründet. In der Folge etablierte sich Idar-Oberstein als Zulieferzentrum für alle Arten von Edelsteinen – vor allem für den Fachhandel. Seit 1985 findet mit der Intergem eine Fachmesse für Edelsteine, Edelsteinschmuck und Edelsteinobjekte in Idar-Oberstein statt. Überhaupt sind Messen die wichtigste Anlaufstelle für die Schmuckhändler, um ihre Ware zu vertreiben – auch im Zeitalter des World Wide Web.

Mit der Epoche des Handels beginnt auch die Geschichte von Govind Jain. Der Inder bezog 1975 einen Bürokomplex in der Idar-Obersteiner Edelsteinbörse. Zuvor war er 17 Jahre in seiner Heimat, der indischen Millionenstadt Jaipur, im Edelsteinhandel tätig. Die Beweggründe, warum er in Deutschland ein neues Lebenskapitel aufschlagen will, sind einfach: „Ich war neugierig auf Europa“, sagt er. Die Betreiber der Diamant- und Edelsteinbörse unterbreiten Jain ein gutes Angebot. Fortan ist Idar-Oberstein sein neues Zuhause. In den Folgejahren importiert Jain tonnenweise Ware aus Indien nach Idar-Oberstein, um sie europaweit zu vertreiben. „Wir haben ausprobiert, was den Leuten gefällt und unsere Schlüsse daraus gezogen“, beschreibt der Unternehmer seine Strategie. Jain geht in seinem Berufsfeld ähnlich wie Krieger im produzierenden Gewerbe vor. „Das Wichtigste ist, dass man die Schmuckmärkte richtig analysiert und auf Veränderungen reagiert“, sagt er. Dabei bietet der Großhändler Waren aus allen Preissegmenten an und arbeitet auch mit Kaufleuten aus der Stadt Idar-Oberstein zusammen. Das Geschäft boomt bis in die 90er Jahre, seitdem ist noch mehr Kreativität gefragt, um erfolgreich zu sein. „Die Kunst ist es, den Trend zu erkennen, bevor er überhaupt da ist“, beschreibt Jain. Deshalb kann er trotz der schwierigen Konjunkturlage sein Geschäft erweitern. Heute beschäftigt er zehn Mitarbeiter und gehört damit zu den größeren Arbeitgebern der Schmuck- und Edelsteinbranche.

In Kriegers Manufaktur arbeiten derzeit rund 70 Mitarbeiter. Die Schmuckstücke werden ausnahmslos unter dem Dach seines Unternehmens gefertigt. Alle traditionellen Berufe der Szene haben in Kriegers Räumen eine eigene Abteilung. Lapidäre, Diamantschleifer, Goldschmiede, Juwelenfasser und Polisseure arbeiten dabei eng verzahnt, und allesamt mit chirurgischer Präzision. Außerdem werden in der Gießerei neben dem Hauptgebäude erste Prototypen des zu fertigenden Schmuckstückes designed und in Form gegossen. Der Firmenchef kann also sämtliche Arbeitsprozesse kontrollieren, Abläufe koordinieren und passendes Personal persönlich akquirieren. Ein echtes Privileg, doch gerade der letzte Punkt erweist sich in der Gegenwart als diffizil. „Es wird immer schwieriger qualifizierte Leute zu finden, die in der Schmuckbranche arbeiten möchten“, sorgt sich der Firmenchef.

„Die Branche steht in einem harten Wettbewerb mit anderen Berufen“, beschreibt Lindemann die Nachwuchssorgen der Idar-Obersteiner Schmuckindustrie. Durch die Globalisierung und Digitalisierung stehen der jüngeren Generationen beinahe unzählige Alternativen offen. Viele junge Menschen verlassen den ländlichen Raum. Andere fremdeln laut Lindemann mit der Vorstellung, einen Handwerksberuf zu erlernen – sei es im Baugewerbe oder in der Schmuckbranche. „Eine zentrale Herausforderung ist, dass den jungen Menschen die tollen Perspektiven aufgezeigt werden, die die Berufe in der Schmuckindustrie mit sich bringen“, betont Lindemann.

Krieger macht aus der Not eine Tugend. Er ist auch Mäzen des Fußballklubs SC Idar-Oberstein und möchte einen brasilianischen Fußballspieler, den er zu seinem Verein gelotst hat, mit dem Beruf des Farbsteinschleifers vertraut machen. Auch der Umstand, dass wegen eines Trauerfalls derzeit kein geeigneter Ausbilder im Betrieb tätig ist, treibt Krieger keine Sorgenfalten auf die Stirn. Bernd Cullmann, ein befreundeter Farbsteinschleifer im Rentenalter, der zu den besten seiner Zunft gehört, soll herausfinden, ob in dem jungen Südamerikaner Paolo neben seinen fußballerischen Fähigkeiten ein noch unentdecktes Talent schlummert.

Ein brasilianischer Farbsteinschleifer steht also vielleicht bald an der Werkbank in Idar-Obersteins bekanntester Schmuck-Manufaktur. Etwa zwei Jahrhunderte nach dem die ersten Farbsteine aus Brasilien in die Stadt der Edelsteine importiert wurden. Es würde zum säkularen Charakter der Kleinstadt passen, deren Protagonisten immer wieder neue Herausforderungen bewältigen müssen, um in der Welt der Edelsteine auch künftig eine schillernde Rolle spielen zu können.  

 

Max Storr

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