„Wie geht’s dir?“, fragte sie und er wusste, dass sie bei ihm nicht die übliche Frage stellte, die jeder mit einem „Ganz gut und dir“ beantwortete, sondern wirklich wissen wollte, wie er sich fühlte.

„Ich weiß nicht so recht“, antwortete er und nahm einen Schluck von seinem Milchkaffee, um Zeit zu gewinnen. „Ich hab einfach das Gefühl, dass sich langsam die Prioritäten verschieben.“ Er hatte sich nicht auf dieses Gespräch eingestellt, er hatte sich einen belanglosen Nachmittag gewünscht. Ein bisschen austauschen, was es Neues gab. Nicht viel. Wie sollte man auch erklären, was sich verändert, wenn man es selbst nicht richtig greifen kann.

„Wie meinst du das?“, hakte sie nach. „Stell dir einfach vor jeder Mensch ist sein eigenes Universum, in dem sich tausende Sterne befinden. Manche näher, manche weiter.“ Er bereute seine Beschreibung jetzt schon. „Und ich habe einfach das Gefühl, dass ich in Systemen kein Teil mehr bin, in denen ich vor kurzem noch zum Zentrum gehört hab.“ „Die Leute werden erwachsen, das ist der Lauf der Dinge“, sagte sie lapidar. Wahrscheinlich meinte sie es auch so. Er antwortete nicht. Vermutlich hatte sie Recht. „Sieh‘ mich bitte an.“ Er löste seinen Blick von dem Kaffeesatz in seiner Tasse und versuchte ihrem Blick standzuhalten.

„Die Leute entwickeln sich weiter, das ist nichts Schlechtes. Wenn ich an den Menschen denke, der ich vor einem Jahr war, bin ich froh, dass sich die Dinge ändern. Ich hab diesen Menschen gehasst.“ „Ich hab ihn geliebt.“ Sie überging seine Bemerkung gekonnt. „Wir sind nicht mehr die Menschen, die wir in der Schule waren.“ „Das weiß ich“, gab er zurück, wohlwissend, dass sie es nur gut meinte. „Aber es macht mir trotzdem zu schaffen, ich hätte gerne einfach ein paar Konstanten, die bleiben.“ „Bin ich das nicht?“ Er antwortete nicht, weil er sie nicht anlügen konnte und die Wahrheit sie verletzt hätte. Die Kellnerin kam vorbei und er verlangte die Rechnung. „Lass uns heute bitte nicht so auseinandergehen“, flehte sie, aber er wusste, dass es zu ihrer beider Bestem war.

Draußen blendeten ihnen die Strahlen der Aprilsonne. Als er kam hatte es noch in Strömen geregnet. Er setzte seine Sonnenbrille auf, klappte den Mantelkragen hoch und ging. Wohin wusste er nicht.

 

Tim-Julian Schneider

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