Sapere aude und glaube!

Rund um das Osterfest 2018 sind die Religionen heftig in der Kritik. Fälle von antisemitischem Mobbing und der Ausspruch Horst Seehofers, der Islam gehöre nicht zu Deutschland haben für hitzige Diskussioen gesorgt. Das Christentum gehöre zur BRD, unsere Werte seien christlich geprägt. Religion fühlt sich in besagten Fällen, eher wie ein gegeneinander an. Aber was sind diese Werte überhaupt von denen unser neuer Innenminister redet?

Dass der Glaube in der Diskussion ist, ist nicht schlecht, nur die Art und Weise wie in besagten Fällen eine Abgrenzung stattfindet, sollte zu denken geben. Ich bin gläubig. Ich glaube an Mitgefühl, Vertrauen, an das Band der Familie und daran, dass Empathie keine Schwäche ist. Ich glaube an Wille, Disziplin und Fleiß. Natürlich gehöre ich einer Konfession an, aber die spielt erst einmal keine Rolle. Die Dinge an die ich glaube, finden sich in jeder Religion wieder - im Judentum, im Christentum, im Islam und im Buddhismus. Ich glaube daran, dass Religion und Glaube dafür da sein sollten, Menschen einander näherzubringen, Gemeinschaft zu schaffen und nicht zu entzweien.

Dabei muss ich jedoch einsehen, dass radikale Verfechter jeder Religion, ihren sogenannten Glauben missbrauchen, um Hass zu schüren, andere zu verfolgen und sich in Kriegen abzuschlachten. Ich sehe Juden und  Muslime, die sich in Israel und Palästina gegenseitig bekriegen, Islamisten, die sich auf der ganzen Welt mit Terroranschlägen auf  Unschuldige Gehör verschaffen wollen, einen fundamental-protestantischen Ku-Klux-Klan, der seit Mitte des 19. Jahrhunderts rassistisch und gewalttätig agiert und Buddhisten in Myanmar, die Millionen von muslimischen Rohingyas zur Flucht zwingen. Im Namen des Glaubens. Ist Glauben also per se schlecht und führt zu Krieg? Ich will nicht so recht daran glauben.

Weil mein Glaube anders ist, auf einer ganz anderen Vorstellung basiert. Auf einer Vorstellung, dass kein Mensch von Grund auf schlecht ist. Wie kann es also sein, dass sich Millionen Menschen weltweit im Namen eines oder mehrerer Götter in Krieg stürzen? Können wir nicht glauben, ohne einen absolutistische Stellung für unsere Religion zu beanspruchen? Die Antwort auf diese Frage lässt sich mit der Aufklärung beantworten. Immanuel Kant hat 1784 zwei Worte benutzt, um unsere komplette Denkweise zu revolutionieren: Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! Sie sorgt somit für eine völlig neue Verantwortung uns selbst gegenüber. Wir können nicht alles auf unseren Glauben schieben, nicht unsere Religionen für unsere Gräueltaten verantwortlich machen. Aber das heißt nicht, dass wir nicht glauben dürfen. Wir müssen nur eben aufgeklärt glauben.

In Lessings „Nathan der Weise“ von 1779, dem  Ideendrama der Aufklärung, schafft er eine Vorstellung von einer vernunftgeprägten friedlichen Koexistenz der Weltreligionen. Und diese Koexistenz funktioniert auch  in den verschiedensten Teilen unserer Gesellschaft sehr gut. Jedoch nicht in allen. Nicht überall ist die Aufklärung angekommen. Ich bezweifle, dass jemand seinen Verstand benutzt hat, der Lkws in Weihnachtsmärkte steuert, sich auf einer belebten Straße in Bagdad  in die Luft springt oder mit einem Bettlaken über dem Kopf Jagd auf  Mitbürger macht. Ich bezweifle aber auch, dass jemand sich seiner Urteilskraft bedient hat, der Frauen unterdrückt, der Homosexuelle diffamiert, Abtreibungen als Teufelswerk bezeichnet und Geschiedene am liebsten auf dem Scheiterhaufen sehen würde. All diese Dinge geschehen auf der Welt im Namen verschiedenster Religionen. Das kann nicht die Grundlage unseres Glaubens sein.

Glaube ist nichts Zerstörerisches, man sollte aus ihm Kraft ziehen, er sollte vereinen und nicht trennen. Auch deshalb sind die Aussagen von unserem neuen Innenminister Seehofer, dass ein bestimmter Glaube nicht zu einem Land gehöre, ebenso falsch. Wir haben schon lange begonnen, unser Land nicht über eine Religion zu definieren, sondern über Werte, die tief im Grundgesetz verankert sind. Eine Debatte anzustoßen, die unter dem Strich aussagt: „Du gehörst nicht zu Deutschland, weil du einer anderen Religion angehörst“ hätte Lessing und Kant nicht gefallen. So konservativ die CSU auch sein mag, Ideen aus der Zeit vor 1779 müsste sie sich eigentlich verkneifen.

Ich will nicht an nichts glauben, aber ich will mich nicht von meiner Religion dominieren lassen. Ein aufgeklärter Glaube und eine Besinnung auf die Werte, die uns einen, könnten Gräben überwinden. Dies ist ein mehrseitiger Prozess, der alle Religionen unserer Gesellschaft betrifft, den es sich lohnt weiterzuführen, der aber nur gelingen kann, wenn wir einen Glauben leben, der in Einklang mit einem aufgeklärten Denken steht.

Allen ein frohes Osterfest!

 

Tim-Julian Schneider 

 

Artikel bewerten
(0 Stimmen)

Werben

Sie interessieren sich für Nachrichten aus Ihrer Nachbarschaft? Ihren Kunden geht es genauso. Sie möchten wissen, wie Sie auf Stadt-Land-News Ihre Werbung platzieren?

 

Mitmachen

Das Engagement für Vereine und Gemeinden ist enorm. Wir möchten Ihrer Leidenschaft und Ihren Informationen eine Plattform bieten, auf der diese Geschichten gesammelt einem breiten Publikum vorgestellt werden können. 

 

Zum Seitenanfang