„Und dann haben wir geredet“

In zwei Wochen ist Bundestagswahl. Dieses Ereignis beschäftigt uns in diesen Tagen natürlich. Aber neben der wenig spannenden Debatte über die Legitimität einer Erstimmenkampagne im Wahlkreis gibt es in meinem Umfeld immerhin handfeste inhaltliche Diskussionen, die mich sehr beschäftigen.

So war ich letzte Woche mit einem alten Freund verabredet. Gleich zu Beginn fielen von seiner Seite ein paar aggressive Äußerungen über Frau Merkel und Flüchtlinge, die mich schließlich geraderaus fragen ließen: „Wählst du jetzt etwa AfD oder was?“. Seine Antwort: „Ja, natürlich.“

Ein Teil von mir wäre am liebsten direkt gegangen und das habe ich ihm auch gesagt. Die völlig enthemmten Pöbler bei Merkelauftritten wie in Bitterfeld, die perfide Pfeffersprayverteilung als Teil des AfD-Wahlkampfs in Bad Kreuznach, der aktuelle Gauland-Nazisprech, die chauvinistische Dumpfbackigkeit, die sich in Plakaten mit dem Slogan „Neue Deutsche? Machen wir selber!“ inklusive schwangerem Bauch manifestiert und alles andere als witzig ist, all das schoss mir durch den Kopf. Wie konnte jemand, den ich so gut kenne und auch mag, sowas in irgendeiner Form gut oder auch nur akzeptabel finden? Mein Gegenüber hat gemerkt, wie enttäuscht ich war und war verstört, dass mich seine Aussagen so schockieren. Ich blieb. Und dann haben wir geredet. Ich habe ihn gefragt, warum. Es kam vieles zur Sprache: Von Merkels Flüchtlingspolitik über Terror hin zu einer in seinen Augen drohenden Islamisierung, von Brennpunktschulen über Kriminalität hin zu seiner Angst um unsere Kultur. Viele Themen sind dabei vermischt worden und undifferenziert in einen Topf geworfen worden. Er sagte, er glaube nicht, dass die von ihm genannten Probleme von einer Merkel-geführten CDU gelöst werden, dass sich ohne spürbaren Gegenwind nichts ändern werde.

Ich nahm jeden Punkt mit ihm auseinander, dabei wurde so manche diffuse Schlussfolgerung, die er gezogen hatte, und so mancher Widerspruch klar. Eigentlich wolle er die AfD ja auch gar nicht. Er wisse, dass die AfD auch keine Lösungen anbiete. „Dann wähl sie nicht.“ war meine Antwort. Beinah ängstlich fragte er mich: „Eva, denkst du jetzt, ich bin ein Nazi? Ich bin doch kein Nazi!“. „Dann wähl auch keine Nazis.“ war meine Antwort. Die AfD duldet solche Leute ganz bewusst und betreibt den Tabubruch als Mittel, um Aufmerksamkeit zu erregen. Anschließend wird sich dann halbseiden davon distanziert und filmfreif als Opfer inszeniert. Zum Schluss unseres Gesprächs sagte er, dass er es sich wirklich nochmal überlege und ich ernsthafte Zweifel in ihm gesät habe. Ich denke, er wird schlussendlich sein Kreuzchen woanders machen (ich hatte natürlich auch einen guten Tipp für ihn parat). Richtig erleichtert bin ich trotzdem nicht nach Hause, sondern sehr nachdenklich.

Diese Mischung aus Angst, Enttäuschung und verlorenem Vertrauen findet ihr Ventil in der trotzigen Entscheidung, die AfD zu wählen. Mein Bekannter ist kein Wutbürger, er hat einfach Angst. Und dieser Angst müssen wir begegnen. Ich verstehe gut, dass Veränderungen, auf die wir vermeintlich nur bedingt Einfluss nehmen können, Angst machen. Die Frage ist aber, was ist die richtige Antwort darauf, was machen wir damit. Der erste, einfach gestrickte Reflex ist, zu versuchen, die Veränderungen zu vermeiden. Aber ist das klug? Ist das realistisch betrachtet überhaupt möglich? Wäre es nicht um ein Vielfaches cleverer, vorausschauender und besser, diese Veränderungen und damit die Zukunft zu gestalten. Das sind erst mal schöne Worthülsen, ich weiß. Es ist zunächst die Haltung, mit der wir die Dinge angehen sollten. Die Ängste einfach abzutun und die genannten Probleme kategorisch zu negieren, ist nicht zielführend. Ich bin froh, dass wir uns zugehört haben, dass wir darüber gesprochen haben. Das ist die Herausforderung, vor der wir stehen. Es geht um viel.

 

Eva Milisenda ist 40 Jahre und kommt aus Idar-Oberstein. Sie ist stellvertretende Vorsitzende des SPD-Kreisverbandes Birkenfeld und Mitglied des Jugendhilfe- sowie Schulträgerausschusses der Stadt Idar-Oberstein. Die Diplom-Kauffrau arbeitet als Teamleiterin im Rechnungswesen der Landesbank Baden-Württemberg in Mainz, ist verheiratet und Mutter einer 6-jähringen Tochter.

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