„Startrainer“ Dietze im Reich der Mitte

„Überwältigend“, beschreibt Helge Dietze, Coach des SC Birkenfeld, den Empfang einer Fußballschule in der chinesischen Planstadt Shenzhen, als er aus dem Auto stieg. „Ich kam mir vor wie ein Startrainer, das war mir fast schon unangenehm“, gibt der Lehrer am Göttenbach-Gymnasium zu, der im Auftrag seines Vereins unterwegs war um Werbung für ein Fußballcamp in Kooperation mit den chinesischen Fußballschulen zu veranstalten.

Ein weiteres, denn vor gut einem Jahr gelang es den Verantwortlichen schon einmal eine solche Veranstaltung auf die Beine zu stellen. In Kooperation mit Oak Garden, dem deutsch-chinesischen Wirtschaftszentrum in Neubrücke, wurde für zwanzig Kinder aus China ein einwöchiges Camp auf die Beine gestellt, bei dem die Trainer des SC Birkenfeld tatkräftige Unterstützung der ehemaligen Bundesliga-Größen Tomislav Piplica und Eckhard Krautzun erhielten. Die Kinder aus dem Reich der Mitte erhielten neben dem Fußballabzeichen auch noch einen Einblick in die Region, besuchten den Bostalsee und ein Spiel des rheinland-pfälzischen Bundesligisten Mainz 05. „Dieses Jahr wollen wir erneut ein Camp veranstalten, vielleicht sogar mehrere Camps hintereinander“, gewährte Dietze Einblick in die Planungen. „Dafür bin ich nach China gereist, um bei den Fußballschulen ein bisschen die Werbetrommel zu rühren.“

Und dort ging es dann direkt auch Schlag auf Schlag. Um halb sieben Landung, gegen elf Uhr leitete Dietze nachdem überwältigenden Empfang bereits seine erste Einheit auf dem Platz. „In gewisser Weise lassen sich diese Schulen mit einem deutschen Nachwuchsleistungszentrum vergleichen“, erklärt Dietze. „Vormittags steht das Lernen im Mittelpunkt, nachmittags das Training.“ Das Wettberwerbssystem sei ähnlich dem der USA, wo es keine Bindung an Vereine gibt, sondern die Schulen untereinander Spiele austragen.

Was die Trainingsabläufe angeht, wollte Dietze die „standardisierte“ chinesische Herangehensweise etwas auflockern. „Wir haben versucht die Dinge spielerisch aufzubereiten, sodass es mehr Freude bereitet.“ Die Trainingssteuerung war insgesamt eine Herausforderung für den Birkenfelder, der sich teilweise plötzlich mehr als achtzig Kindern gegenübersah. „Mit so großen Gruppen auf Anhieb zu trainieren war nicht ganz so einfach“, gestand er, „aber da kam mir dann auch meine Erfahrung als Lehrer zu gute.“ Sprachlich wurde sich auf dem Platz auf Englisch oder mit einem Dolmetscher verständigt, was zusätzlich Zeit in Anspruch nahm.

Aber auch außerhalb des Trainingsplatzes konnte Dietze lebhafte Eindrücke gewinnen. „Wir waren auf einer Gala, die sehr prägend war. Alles ist unglaublich pulsierend und intensiv“, beschreibt Dietze das Leben in der 12,5-Millionen-Metropole. Durch das andere Regierungssystem würden Dinge viel schneller umgesetzt, als in Europa. „Die Regierung hat dort einfach mal 16.000 Elektrobusse angeordnet und die anderen von der Straße genommen“, zeigt sich Dietze beeindruckt. „Es ist interessant zu sehen, wie solche Dinge funktionieren, über die bei uns ewig diskutiert wird“, gesteht er. „In diesem Fall ist das positiv, es gibt aber auch Bereiche in denen es negativ sein kann.“

Was ihn am meisten beindruckt habe, sei der technologische Fortschritt, der dort bis in kleinste Alltagsbereiche zu erkennen sei. In der Planstadt, die sich bis 1979 noch als Fischerdorf bezeichnen lassen durfte, kursiere beispielsweise gar kein Bargeld. „Es wird fast ausschließlich mit dem Handy bezahlt“, erläutert Dietze. Mit einer App würden selbst bei Straßenhändlern die Waren gegen Geld ausgetauscht. „In diesem Bereich ist uns China auf verschiedenen Ebenen ziemlich voraus“, skizzierte Dietze – mit einer Einschränkung. „Ich habe natürlich nicht gesehen, wie es im Landesinneren aussieht, wer die Verlierer dieses unfassbaren Booms sind.“

Als Verlierer trat Dietze auf keinen Fall seine Heimreise an. Zwar stehen die Zeiträume und der Umfang der Camps noch nicht fest, viele Eltern hätten aber ihre Kinder schon unabhängig des Termins angemeldet. Für ihn persönlich sei der Einblick in die Kultur absolut „gewinnbringend“ gewesen. „Ich bin total dankbar für die Chance durch Oak Garden und dass die Schule meine Reise bewilligt hat“, zeigte sich der Erdkundelehrer hochzufrieden. Aber für einen internationalen „Startrainer“ kann man das ja schonmal machen.

 

Tim-Julian Schneider

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